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FOTO*TEXT #19 - Alte vergessene Fotos...

Zweiter Foto*Text 2019. Das erste Mal im neuen Jahr sich wieder so richtig vor die Tastatur setzen, die endlosen Gedanken der letzten Tage versuchen in Worte zu fassen. Das schlimmste an meinen Gedanken ist ja nicht mal, dass ich sie habe, dass ich sie fühle... vielmehr ist es für mich nicht immer einfach, diese Gedanken aus meiner Seele in mein Gehirn zu transportieren, und schlussendlich von meinem Gehirn in meine Finger... Tastatur. Das ist mittlerweile ein Prozess, welcher sich bei mir innerlich entwickeln muss. Leider funktioniert das Ganze nicht auf Knopfdruck, nicht immer, und auch nicht überall, und schon gar nicht an jedem Ort. Also das Schreiben...

 

Ich spreche ja immer darüber, dass ich ein paar Worte und Gedanken zu meinen Fotos schreibe. Dass ich Texte und Geschichten zu meinen eigenen Fotos schreibe. Wie ich zu diesem oder jenem Bild gekommen bin. Welchen Weg ich auf mich genommen habe, um eine für mich schöne Landschaft oder Wetterstimmung festzuhalten, oder, was ich dabei empfinde, wenn ich mit meiner kleinen schwarzen digitalen Box einfach losziehe. Zwischen den Jahren passierte jedoch etwas völlig anderes...

 

Stadtbummel mit meiner kleinen schwarzen Box und mit meiner kleinen Familie. In einer Seitenstraße hat mein geschultes Trödelauge einen kleinen Flohmarktladen erblickt. Ich konnte natürlich nicht wirklich einfach so daran vorbeigehen ohne einen kleinen flüchtigen Blick durch das völlig zugestellte Schaufenster zu werfen. Ich konnte nicht wirklich viel erkennen. Etwas frustriert lief ich weiter. Rechts neben dem besagten etwas überladenen Schaufenster war ein Schaukasten, wie man ihn von alten Wirtshäusern kennt. Die darin aufgehängten alten und nachträglich kolorierten Fotos sprachen mich auf eine ganz besondere Weise an, zogen nicht nur meine Augen in ihren Bann, sondern auch meine Seele. Die Familie rief. Ich ging weiter. Zwei Tage später. Stadtbummel. Ganz alleine. Ohne Familie. Ich konnte nicht widerstehen und betrat den Flohmarktladen durch eine zweiflüglige große Holztür. Ein völlig überfüllter und zugestellter Laden. Meine Freude war etwas getrübt. Es stapelten sich Kisten mit Krimskrams über Kisten mit Krimskrams. Ein völlig undurchsichtiges Verkaufskonzept. Der Laden war auch nicht sonderlich groß und mein Rundgang war dadurch zügig beendet. Kurz vorm Ausgang erspähte ich dann doch noch diese eine kleine und offen stehende schwarze Schuhschachtel, welcher ich unbewusst meine Aufmerksamkeit schenkte. Meine Hände wühlten sich durch ein paar alte Postkarten aus den ganzen schönen und bunten europäischen Metropolen. Darunter, also unter den etwas verblichenen Postkarten, fand ich dann einen bunten Mix aus alten Farb- und Schwarzweißfotografien. Das, was ich an diesen Bildern auf den ersten Blick so spannend fand, war, dass es sich bei den Fotografien um "ganz" normale Portraitfotografien handelte und die Fotografen (ob es sich hier auch um weibliche Fotografen handelte kann ich leider nicht erkennen) auf der Vorder- oder Rückseite ihren Firmenstempel hinterlassen haben.

 

Was mich jedoch an diesen alten Fotos am meisten fasziniert und zugleich auch interessiert, ist nicht das Foto an sich, nicht die Technik welche dahinter steckt um in dieser vergangenen Zeit eine Person, ein Objekt, oder ein Gebäude für die Nachwelt auf Film zu bannen. Nein, es sind die vielen Geschichten, welche sich hinter diesen und auch anderen Fotos verbergen. Wo wurden diese Fotos aufgenommen? Welche Personen haben diese Fotos aufgenommen? Warum, Wieso und Weshalb? Welche Personen wurden abgelichtet? Was ist aus diesen Person geworden? Welche Schicksale stecken hinter den Personen auf diesen Fotos – positive, wie auch negative? Fragen über Fragen. Viele Fragen, viel zu viele Fragen. Fragen welche ich nicht beantworten kann. Leider. Und jetzt? Was mach ich jetzt mit meinen offenen Fragen?

Frei dem Motto: „Die Gedanken sind frei“, lasse ich mal meinen eigenen Gedanken und Fragen freien Lauf...  

Kaffeefahrt (Photo 6716, auf Agfa Lupex, Wehinger)

Es war ein sonniger Morgen im April. Ich traf mich mit den Freundinnen meiner Mutter, früh morgens, um eine kleine Kaffeefahrt an den schönen Bodensee, nach Lindau, zu unternehmen. Die Fahrt war lang. Die Gespräche waren länger, und nicht wirklich interessant für mich, da der Altersunterschied der einzelnen Damen dann doch recht groß ausgefallen ist. Der Bodensee lag an diesem herrlichen Frühsommertag nicht im dichten Nebel versteckt. Man hatte sogar eine tolle Fernsicht an die nahen, und für mich doch so fernen Schweizer Alpen. Der Kaffee war schwarz und gut. Die Sahnetorte war sahniger und besser. Die Rückfahrt war kurzweiliger, auch weil die älteren Damen sich für die Heimfahrt eine Flasche Sekt genehmigten. Oder vielleicht waren es auch zwei oder drei - so genau weiß ich dies nach all den vergangene Jahren nicht mehr. Die Ankunft in unserer kleinen, feinen Stadt war deshalb sehr ausgelassen und fröhlich. Ich erlebte meine Mutter nicht oft so ausgelassen, da das Leben in dieser Zeit, für eine alleinerziehende Mutter nicht immer unbeschwert gewesen ist. Zum Abschluss machte der gutaussehende Neffe von der besten Freundin meiner Mutter, noch ein flüchtiges und völlig ungeordnetes Foto mit seinem neuen Fotoapparat... Das Foto habe ich vor einigen Tagen im Fotoalbum meiner verstorbenen Mutter wiederentdeckt, und hab mich doch nur zu gut an die ersten fotografischen Anfänge meines Mannes erinnert... Habt Ihr mich erkannt? Ich bin das junge Mädchen auf dem Foto, welches an diesem Tag keinen schwarzen Mantel trug. Schwarz ist nicht wirklich meine Farbe, auch heute noch nicht.


Weihnachtskarte (Heinrich Kreutz, Frankfurt a.M.)

Meinem lieben Bruder zur steten Erinnerung, von seiner Schwester Betti, Weihnachten 1928. So hab ich es ihm geschrieben. Vor einem Jahr, voll eigener schmerzlicher Verzweiflung. Er sollte mich immer in Erinnerung haben, sollte mich immer so in Erinnerung haben wie er mich all die Jahre kannte. Fröhlich, ausgelassen und heiter. Auch wenn es das letzte gemeinsame Weihnachtsfest gewesen ist, welches wir gemeinsam im trauten Kreis unserer Familie gefeiert haben. Meine Familie wusste es noch nicht. Er wusste es noch nicht. Ich wollte es ihm, meinem geliebten Max erst am letzten Tag sagen, dass ich nach dem heiligen Fest, nach Weihnachten, nicht mehr die sein werde, die er kannte. Dass ich nicht mehr seine Schwester sein werde. Seiner Schwester, der er alles anvertrauen könnte, sei es noch so schrecklich und abscheulich. Ich hielt es einfach nicht mehr aus, dass sich unsere Eltern täglich in die Wolle kriegten. Konnte es nicht mehr ertragen, dass meine Eltern es Max jeden Tag aufs neue spüren ließen, dass er nicht gewollt gewesen ist. Nicht in diesem Leben und auch nicht in einem anderen Leben. Vielleicht war es ein großer Fehler, es meinen Eltern zu erzählen, dass er nicht so war wie all die Jungs in seinem Alter. Vielleicht. Jedoch konnte ich die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Ich musste handeln, und ich handelte. Auch wenn es die schwerste Entscheidung meines noch jungen Lebens gewesen ist, musste ich handeln...

Ich nahm ihnen ihre Tochter. Riss die Familie auseinander, ich wollte allen zeigen, dass wir nicht die heile Familie sind, welche meine Eltern immer versuchten so perfekt zu spielen. Ein letztes Andenken hab ich meinem geliebten Max jedoch noch gemacht. Er sollte mich in meiner ganzen Schönheit, in meinem freizügigen Sonntagskleid und in meinen grauen Lieblingsschuhen in Erinnerung behalten. Ich erinnere mich gern an diesen Tag zurück, als ich mich für dieses letzte Foto hübsch machen durfte. Ein letztes Mal. In Gedanken bin ich immer bei dir, mein geliebter Bruder... Tagebucheintrag, Weihnachten 1929, Ordensschwester Maria


Der Sonntagsanzug ( A. Lauetrwasser senior, Photogr. Atelier, Überlingen)

Ich hasste es. Jeden Sonntag das Gleiche. Jeden Sonntag das gleiche familiäre Ritual. Jeden Sonntag, jeden verdammten Sonntag. Das frühe Aufstehen, das Waschen und die Kirche. Nicht die normale tägliche Katzenwäsche, nein, von Kopf bis Fuß mit reichlich Wasser und Seife. Jeden Sonntag streng nach Plan. Bei sieben Geschwistern funktionierte es nur mit einem strikten Plan. Erst die Mädels, nach Länge sortiert. Die mit den längsten Haaren durfte, oder musste als erstes unters Wasser. Von Kopf bis Fuß und mit Seife. Danach kamen wir Jungs dran. Da wir alle die gleichen Haare trugen, durfte ich als ältester erst als letztes unter die Dusche. Es kam kein warmes Wasser mehr. Jeden verdammten Sonntag nur kaltes Wasser. Ich habe es gehasst. Von Kopf bis Fuß und mit Seife. Ich hab diese Seife gehasst. Dieser beißende Geruch von Lavendel. Nach vier Stunden rochen nicht nur wir Kinder nach Lavendel, sondern auch das ganze Haus, samt Dienstpersonal. Danach gingen wir ins Wirtshaus zum Essen. Jeden Sonntag das gleiche Wirtshaus. Ich weiß bis heute nicht warum wir immer in das gleiche Wirtshaus gegangen sind. Unser Vater, mein Vater wollte es mir nie erzählen. Vielleicht lag es ja an der schönen Wirtstochter? Mein Vater hat die Barbezahlung immer im Nebenraum getätigt und da durfte nie jemand mit... Kaffee und Kuchen gab es dann erst um fünf und das Abendessen fiel aus, da das Dienstpersonal Sonntag abends immer frei hatte. Das einzige, was mir an diesem sonntäglichen Ritual gefallen hat, war Vaters Fotostudio. Jeden Sonntag ab 18 Uhr hat Vater von uns Kindern ein Foto gemacht. Jeden Sonntag. Damit er festhalten konnte wie wir uns verändern. Wie wir wuchsen, wie wir zu Mann und Frau wurden. Jeden Sonntag verwendete er den gleichen Hintergrund, auf welchem nur eine braune Holzbank und etwas Grün aufgemalt war. Bis alle meine Geschwister und ich abgelichtet waren, vergingen bestimmt zwei Stunden. Es wurde wieder nach Größe und Länge fotografiert. Da ich, wie immer, als letztes an der Reihe gewesen bin, verpasste ich die vorhergehenden Gutenachtgeschichten meiner Mutter. Mir blieb zum Zuhören immer nur noch die letzte Geschichte. Jeden Sonntag die gleiche Geschichte... Es hat mich geprägt und es wird vermutlich auch meine Kinder prägen. Irgendwann werde ich sie vermutlich auch fragen, ob sie unser sonntägliches Familienritual weiterführen werden? Ob sie es mit in ihre eigene Familie nehmen werden. Ich bin gespannt was sie dazu sagen werden. Ach so, die Lavendelseife und den Gang in die Kirche hab ich meinen Kindern all die Jahre erspart. Alles andere mache ich heute noch genau so wie es meine Vorfahren vor 100 Jahren auch gemacht haben, außer, dass die Wirtstochter meine geliebte Ehefrau ist. Das schönste ist jedoch diese alte, klobige Plattenkamera, welche ich als ältester Sohn vererbt bekommen habe, und mit welcher ich auch heute noch unsere sonntäglichen Familienportraits erstelle. Jeden Sonntag. Tagebucheintrag, 15.05.1952, Xaver von der Heide


Die Geschichten sind meinen Gehirnwindungen entsprungen, bei klarem Verstand, sie sind frei erfunden und spiegeln in keinster Weise wieder, was tatsächlich auf den gezeigten Fotos zu sehen bzw. was an jenem Tag passiert ist. Alle Personen sowie die dazugehörige Handlung ist ebenso frei erfunden. Angaben zu Personen, Fotografen / Fotografinen, welche auf den Fotografien ersichtlich sind, wurden meinerseits mit bestem Wissen und Gewissen übernommen. Gerne würde ich die hier gezeigten Fotos an die rechtmäßigen Eigentümer, oder an nahe Verwandte, zurückgeben.

[ Text © Marco Völzke - archipixel, Januar 2019 ]