FOTO*TEXT #31 - Finissage: „Veranstaltung zur Beendigung einer Kunstausstellung“

Finissage im Kunstverein Schallstadt: Transit Rhodos von Hennric Jokeit
Finissage im Kunstverein Schallstadt: Transit Rhodos von Hennric Jokeit

Finissage:

„Veranstaltung zur Beendigung einer Kunstausstellung“ - manchmal jedoch aber auch der Anfang, mein Anfang, von Gedanken und Fragen...

 

Handyfotos - zumindest sah dies für mich so aus - von verlorenen Schuhen am Strand. Einzelfotos und ins Negative konvertiert. Schwarz wird zu weiß, weiß wird zu schwarz. Das Sehen wird in sich umgedreht. Das eigene Sehen, der eigene Verstand, wird umgedreht, man muss sich mehr auf die einzelnen Bilder konzentrieren, muss sich mit seinen Gedanken mehr mit den einzelnen SchuhFragmenten (keine SchuhPaare) und deren Abstufungen zum Hintergrund beschäftigen. Schuhe, farblos und blass. Gewollt? Ungewollt? Schuhe, die von Menschen getragen wurden und von Menschen verloren wurden. Verloren? Vielleicht wurden sie auch nach dem Baden am Strand einfach vergessen? In der Eile vergessen oder verloren, da gerade ein Sturm am Aufziehen war? Es geht aus den Bildern nicht hervor, wo sie entstanden sind und aufgenommen wurden. Die Schuhe, sie liegen im Sand, und heben sich durch die Invertierung ins Negative teilweise sehr stark vom Hintergrund ab, sie werden förmlich extrahiert dargestellt. Es sind schon fast Detailfotos – Detailfotos, die keinen wirklichen Bezug zur Umgebung aufnehmen, jedoch durch die teilweise ins Bild rückende Pflanzenwelt wird hier wieder ein Bezug zum Hintergrund / Untergrund hergestellt. Die einzelnen Schuhe - SchuhPaare sind nicht zu sehen - rücken durch diesen Negativ-Effekt deutlich in den Mittelpunkt des Geschehens, sie werfen zweifelsohne sehr viele Fragen auf - was schlussendlich auch die gewollte Absicht des Künstlers - Hennric Jokeit - ist.  

 

Der Künstler Hennric Jokeit hat seiner Serie den Titel „Transit Rhodos“ geben. Für mich entsteht erst in Verbindung mit diesen beiden Worten eine Verbindung zu den gezeigten Bildern. Erst jetzt funktionieren sie in meinem Kopf, erst jetzt wurde meine emphatische Seite in mir getriggert. Meiner Meinung nach erschließt sich auch jetzt erst dem Betrachter*in der Entstehungsort dieser Bilderserie und schlussendlich wird dem Betrachter*in erst jetzt die Tragweite der gezeigten Bilder bewusst. Transit Rhodos. Transit über das Meer? Transit am Strand? Transit in eine bessere, in eine friedlichere und lebenswertere Welt? Zweifelsohne wurde mit dem gewählten Titel der Bogen zur aktuellen Lage auf dem Mittelmeer, der Migration - sich auf der Flucht befindenden Menschen - hergestellt. Und vielleicht geht es ja in dieser Serie nicht nur um die aktuelle Flüchtlingslage, vielleicht geht es hier ja auch vielmehr um die Flucht an sich, um die tägliche Flucht von Menschen hier auf diesem Planeten? Zu den gezeigten Bildern gab es eine Lesung. Eine Lesung aus dem Alten Testament. Passagen aus dem Alten Testament wurden von Frau Susanne-Marie Wrage, einer Schauspielerin, nicht nur einfach so vorgelesen, nein, mit dem Hintergrund ihrer schauspielerischen Tätigkeit, wurden diese religiösen Passagen sehr klar und durchdringend vorgetragen. Die Worte, die in diesen Passagen fallen, sind hart, voller Gewalt und voller menschenverachtender Unterdrückung. Vielleicht funktionieren, durch die bewusst gewählten religiösen Passagen, erst jetzt die Bilder richtig. Meiner Ansicht nach würde hier auch, und vielleicht treffender, aktuelle zeitbezogene Nachrichten passen, ohne einen Bezug auf irgendeine Religion zu nehmen.

 

In mir selbst steigt durch die Verbindung von Bild und Text, dem gesprochenen Wort, eine sehr spürbare innere Angst und Beklommenheit auf. Ich fühle mich teilweise etwas fehl am Platz, da ich nicht so richtig weiß, ob man mit dem Schicksal von Menschen so umgehen darf... und für mich bleiben folgende Fragen unbeantwortet im Raum stehen: Welche persönlichen Geschichten, sei es negativ oder positiv, spielten sich hinter den abgebildeten Schuhen ab? Darf Kunst mit dem „negativen“ Schicksal von Menschen arbeiten? Soll Kunst mit dem „negativen“ Schicksal von Menschen arbeiten, um so einen Missstand in die Öffentlichkeit zu tragen und um darüber in eine Diskussion zu treten? Darf Kunst, egal welche Kunstform und Kunstrichtung auch immer, aus dem negativen Schicksal von Menschen einen positiven wirtschaftlichen Profit ziehen? Fragen über Fragen...

 

Abschließend möchte ich über meine obigen Gedanken und Worte zur Finissage „Transit Rhodos“ den Bogen auf meine eigene Straßenfotografie spannen... Welchen Mehrwert, welchen positiven Effekt hätte eine Fotoserie über obdachlose Menschen? Kann ich persönlich und aus meinen eigenen ethischen Moralvorstellungen, diese Menschen auf der Straße fotografieren? Darf ich sie fotografieren? Ich sehe diese Menschen bei jedem Besuch in der Stadt. Werde direkt und sofort mit dem Leid dieser Menschen konfrontiert. Kann zwar versuchen mit meinen Augen die Straßenseite zu wechseln, jedoch ist das Leid dieser Menschen für mich direkt sichtbar. Keine hunderte von Kilometer weit entfernt an einem Strand in Europa. Nachdenklich sollten uns, als emphatische Menschen, beide Geschehnisse stimmen... Darf ich als HobbyFotograf letztendlich künstlerisch mit solchen Fotos arbeiten? Darf ich mit solchen Fotos blaue und rote Sternchen sammeln? Vielleicht verschmelzen hier die aufklärende Dokumentarfotografie und die künstlerische Straßenfotografie auch zu sehr. Schaffen für mich hier keine wirklich klare Trennung, und vielleicht sollen sie dies ja auch nicht? Fragen über Fragen...  

 

Das, was die Kunst, egal welche Stilrichtung, jedoch schaffen muss, und was sie auch in den meisten Fällen durchaus schafft, und was sie letztendlich auch an diesem Abend bei mir geschafft hat, ist folgendes: Ich bin durch „Transit Rhodos“ ins Nachdenken gekommen. Hab mir meine eigene Meinung gebildet und hab diesen kleinen Text geschrieben. Die Welt werde und kann ich dadurch nicht besser machen – aber – und das ist schlussendlich die wichtigste Botschaft für eine emphatische Gesellschaft: Wir alle sollten nicht wegschauen, wenn es Menschen, in welcher Form auch immer, schlecht geht und sie Hilfe benötigen, und wir sollten versuchen mit unseren eigen gegebenen Möglichkeiten diesen Menschen zu helfen.

Finissage im Kunstverein Schallstadt: Hennric Jokeit "Nachbesprechung"
Finissage im Kunstverein Schallstadt: Hennric Jokeit "Nachbesprechung"
Finissage im Kunstverein Schallstadt: Susanne-Marie Wrage "Lesung"
Finissage im Kunstverein Schallstadt: Susanne-Marie Wrage "Lesung"

Webseite Kunstverein Schallstadt  :  http://www.kunstverein-schallstadt.de/

Webseite Hennric Jokeit  :  https://hennricjokeit.com/

Wikipedia Susanne-Marie Wrage  :  Susanne-Marie Wrage

[ Bild und Text © Marco Völzke - archipixel, Mai 2019 ]