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FOTO*TEXT #35 - Vor der eigenen Haustür...

Einsteigen. Wegfahren. Suchen. Ankommen. Suchen. Fotografieren. Heimfahren.

 

So, oder so ähnlich geht es bestimmt vielen Natur- und Landschaftsfotografen, und dazu immer irgendwie auf der Suche nach neuer und unberührter Natur, um diese auf die eigene Speicherkarte zu bannen. Auch ich zähle mich zu dieser Gattung Mensch, auch wenn ich dies rein der Freude und dem eigenen Seelenfrieden wegen betreibe. Aber eigentlich ist es völlig egal, aus welchen Gründen man die Fotografie oder sonst irgendein Hobby ausübt. Ab und an ist es sinnvoll, sich zu hinterfragen, ob man nicht doch etwas mehr für unsere liebe Natur unternehmen kann, man selbst genug dafür tut, sein Hobby ressourcenschonender auszuführen?

 

Wenn ich mir so die ganzen Instagram-HotSpots anschaue, wird mir doch etwas übel. Nicht generell weil jedes dieser Fotos dann doch irgendwie dem anderen gleicht und viele austauschbar sind, nein, weil mir dieser unsinnige Wahnsinn a la „Diese Location muss ich unbedingt in meinem Portfolio haben“ auf die Nerven geht, sich diese Menschen – vermutlich – nicht wirklich Gedanken über die Auswirkung solcher und ihrer eigenen Massenwanderung bewusst sind. Müssen sie sich überhaupt einen Kopf darüber machen? Gute Frage! Ich denke in der heutigen Zeit hat jeder Erdenbürger eine kleine Verantwortung sich dem Klimawandel und dem damit verbundenen Umweltschutz anzunehmen. Und ich bezweifle mal ganz plakativ, dass sich diese Menschen per pedes von ihrem Zuhause aufmachen, um die große weite Welt zu fotografieren. Es kann jeder halten wie er will, und es ist nicht per se verboten mit einem Flugzeug oder einem SUV zu reisen, hinterfragen kann man sich jedoch in dieser Beziehung immer...

Wespenspinne "Backside"
Wespenspinne "Backside"

Fotografen sind bekanntlich immer auf der Suche. Immer auf der Suche nach dem „vermeintlich“ perfekten Foto, der perfekten Location und dem super geilen tollen Licht. Diese Wunschvorstellung tragen bestimmt auch andere fotografische Sujets mit sich, oder deren Fotografen. Ich spreche mich hier von allem, außer dem Fliegen, nicht frei und bin auch öfters unterwegs und suche bei mir neue und fotogene NaturSeelenPlätze. Ich glaube, wir sind in dieser Hinsicht alle Getriebene. Gewollt oder ungewollt.

 

Was mir jedoch immer wieder auffällt, ist diese Selbstverständlichkeit mit der manche Menschen, mit ihrem fotografischen Aufnahmegerät, unterwegs sind, sich einen feuchten Käse dafür interessieren, ob sie mit ihrem Verhalten unsere Umwelt, das Wohl der Tiere und die Pflanzenwelt schädigen. Vielleicht habe ich hier durch meine Flugangst einen kleinen Vorteil und brauch mir keine großen Gedanken darüber zu machen, mit welchem günstigen Flieger ich nach Timbuktu oder in die Arktis komme. Aber klar, es ist halt einfach spektakulärer und bringt mehr Aufmerksamkeit einen majestätischen Löwen in der Abendsonne Afrikas zu fotografieren als eine kleine Ameise vor der eigenen Haustür auf einer grauen Mülltonne! Ich möchte hier keinem zu nahe treten, oder mit erhobenem Zeigefinger herumfuchteln, aber ich möchte einfach dieses ganze Prozedere hinterfragen, manche Menschen vielleicht auch dazu anstoßen, sich zu hinterfragen! Ja, auch mein eigenes Verhalten zu hinterfragen... Auch ich nutze viel zu selten mein Fahrrad, um rüber in „meinen“ Wald zu fahren. Mit meiner blauen Göttin geht das schneller und macht obendrein viel mehr Spaß. Es ist einfach meine eigene Bequemlichkeit, welche mich öfters davon abhält...

 

Großartige Natur gibt’s auch direkt vor der eigenen Haustüre. Nicht immer so ganz direkt vor der Türe, aber, wenn man hier schon mal ein paar Schritte ins Grün geht, sich dort die bunten Blumen und Pflanzen betrachtet, findet man dann doch ab und an kleine, versteckte Wunderwelten. Da kann einem dann doch auch mal das Herz aufgehen, wenn man bunte Schmetterlinge auf ihrem Paarungsflug, oder kleine flaschige Hummeln beim Nektar tanken beobachten darf. Geben uns die sozialen Medien solch einen übermäßigen HotSpot-Location „Input“ vor, dass wir gar nicht mehr anders können und die kleinen „VorDerHaustür-Spots“ nicht mehr sehen? Die eigenen Fotos dann halt doch etwas langweilig von vor der eigenen Haustür daher kommen? Manchmal sind wir halt eben mit der eigenen Haustüre und deren Lage nicht wirklich gesegnet und haben je nach Naturvorlieben nicht das richtige Naturschauspiel vor der Türe stehen! Suchen wir immer aus eigenen freien Stücken, oder werden wir medial zum Suchen genötigt?

 

Und manchmal brauchen wir keine hunderte von Kilometer mit irgendeinem Vehikel zurücklegen, brauchen nicht stundenlang suchen – manchmal müssen wir einfach nur mit offenen Augen durch die GartenNatur laufen, um die kleine verborgene Welt der Spinnentiere und Insekten zu beobachten. Es ist schon sehr bemerkenswert, was sich in unserer Pflanzenwelt so alles rumtreibt, sich hier auf Futtersuche begibt und hier auch ihre kleinen TinyHäuschen baut... Die Tage hatte ich dann doppeltes Glück, sowohl mit diesem Suchen und Finden, als auch mit dem Ablichten von zwei Tierchen, welche ich so bei uns in der freien Natur noch nicht gesehen habe. Und dann ist mir mal so richtig meine Fotografen-Seele abgegangen... [ Bild/Text © Marco Völzke, September 2019 ]

Europäische Gottesanbeterin
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