#081 - FKK in und mit BERLIN

Wie so oft begann auch diese Reise mit einer Verspätung. Die Deutsche Bundesbahn blieb ihrer Linie treu, und ich meiner Geduld. Zwei Stunden Aufschub sind im Fernverkehr inzwischen kaum mehr ein Ärgernis, eher ein Ritual. Dass diesmal ein verspäteter Triebwagenführer – angeblich aufgehalten von der Straßenbahn – die Ursache war, fügte der Anekdotensammlung lediglich ein neues Detail hinzu. Die angekündigte Entschädigung relativierte sich wenig später durch meine eigene Nachlässigkeit: eine separat zu überweisende BahnCard-Gebühr, vergessen, verdrängt – und prompt durch ein Inkassoschreiben geadelt. So wird aus einer BahnCard 25 schnell eine BahnCard ohne Rabatt.

Auch das gehört zur Dramaturgie meines Unterwegsseins.

Berlin empfängt mich jedes Mal als ein widersprüchliches Gefüge aus Monumentalität und Brüchigkeit. Ein Moloch aus Beton, Geruch und farbgesättigten Fassaden. Noch bevor ich den Berliner Hauptbahnhof verlasse, setzt im Kopf Paul Kalkbrenners „Train“ ein – jener Soundtrack, der sich längst mit dem Bild der Stadt verschmolzen hat. Berlin ist kein harmonisches Stadtbild, sondern ein permanenter Spannungsbogen zwischen Geschichte, Gegenwart und Inszenierung.

Abseits der touristischen Wege offenbart sich eine andere Form von Kunstproduktion: Street Art als vielschichtiger Kommentar im öffentlichen Raum. Graffiti, Sticker, Übermalungen – visuelle Sedimente einer Großstadt, die sich selbst unablässig überschreiben. Für manche sind diese Fassaden ein Zuviel an Zeichen; für mich sind sie urbane Schriftstücke. Sie werfen Fragen nach Autorschaft, Aneignung und unfreiwilliger Kollaboration auf: Wem gehört eine Wand? Und wie verändert sich die Wahrnehmung von Architektur, wenn sie zur Projektionsfläche kollektiver Bildproduktion wird?

Ein radikaler Gegenpol zu dieser Überfülle ist die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe. Der Stahl-Glas Bau wirkt wie eine Manifestation konstruktiver Klarheit. Die Transparenz des Obergeschosses erzeugt eine beinahe schwerelose Offenheit; der Raum ist Ausstellungsfläche und Haltung. Kunst wird hier nicht dekorativ inszeniert, sondern in einen Dialog mit Licht, Struktur und dem Umfeld gesetzt. Dass die Halle bei meinem Besuch teilweise gesperrt war, minderte die Wirkung kaum – selbst im fragmentierten Zustand bleibt die architektonische Idee spürbar.

Der eigentliche Anlass meines Besuchs war jedoch „100 Werke für Berlin“: jene Arbeiten, die Gerhard Richter der Nationalgalerie dauerhaft überlassen hat. Richters Rakel-Arbeiten entfalten ihre Wirkung weniger durch die Darstellung klarer Abbildung als durch einen Prozess. Farbschichten werden aufgetragen, verschoben, partiell wieder abgetragen – Kontrolle und Zufall stehen in einem spannungsvollen Gleichgewicht. Die Oberflächen wirken spontan, nicht nach einer präzisen Vereinbarung. In der Überlagerung entsteht eine Tiefenwirkung, die zwischen malerischer Geste und fotografischer Unschärfe schwingt. Gerade für ein fotografisches Auge ist dieses Aushandeln interessant: Richter entzieht dem Bild seine eindeutige Lesbarkeit und lässt Vorder- und Hintergrund ineinander übergehen.

Neue Nationalgalerie 

Außenansicht Neue Nationalgalerie
Außenansicht Neue Nationalgalerie

Wenige Straßen weiter verfolgt die Galerie Camera Work eine andere Präsentation fotografischer Bildkultur. Die gezeigte Werkzusammenstellung von und mit Cindy Crawford versammelt Modefotografien, Porträts und Akte aus mehreren Jahrzehnten. Rückblickend stehen weniger einzelne Aufnahmen im Mittelpunkt als das Gesamtbild: Crawford als Sinnbild einer Ära, in der das Supermodel zur medialen Ikone wurde, Modefotografie zur Kunst erhoben wurde und  ein komplexes Zusammenspiel von Kommerz und Begehren entstand. 

Noch expliziter setzt sich die Helmut Newton Foundation mit fotografischer Inszenierung auseinander. Helmut Newton polarisiert bis heute. Seine Darstellungen des weiblichen Körpers bewegen sich zwischen Selbstermächtigung und kalkulierter Provokation, zwischen Glamour und kühler Distanz. Entscheidend ist weniger die Frage nach Zustimmung oder Ablehnung, sondern die produktive Reibung, die seine Bilder erzeugen. Das kuratorische Konzept, Newtons Arbeiten regelmäßig mit Positionen anderer Fotografinnen und Fotografen gegenüberzustellen, öffnet einen spannungsvollen Raum, nicht nur für einen  fotografischen Dialog.

Camera Work und Helmut Newton Foundation

Ausstellungswand in der Galerie Camera Work
Ausstellungswand in der Galerie Camera Work

Graffiti, Sticker und Co.

Zwischen diesen konzentrierten Bildräumen lag ein Abstecher ins Olympiastadion von Berlin – eine andere Form von Inszenierung – auch noch auf meiner To-Do-Liste. Dieser Besuch war dann der eigentliche Hauptgrund meiner Reise in die Hauptstadt, und ich konnte so ein paar Tage FKK (Fußball, Kunst und Kultur) genießen.

Fußball als kollektives Schauspiel, aus Choreografie, mit Kälte und Matsch, Verlängerung und Elfmeterschießen. Auch hier geht es um Projektion, Zugehörigkeit und Dramaturgie. An diesem Abend entschieden die Vereinsfarben Weiß und Rot darüber, ob ein vollbesetzter Gästeblock in grenzenlose Ekstase ausbrechen oder in bedrückendes Schweigen fallen würde. Alles hing an einem einzigen Moment, an einer einzigen Szene…

Als die Entscheidung fiel, entluden sich die Emotionen ungefiltert – Jubel, Tränen, Umarmungen oder fassungslose Stille auf der Gegenseite. Und doch wirkte das alles beinahe wie ein sorgfältig komponiertes Bild: intensiv, dramatisch, fast unwirklich. Ein Augenblick, roh und echt – und zugleich wie für ein Kunstwerk inszeniert.


Berlin bleibt für mich ein Ort der Überlagerungen: von Geschichte und Gegenwart, von Hochkultur und Subkultur, von kontrollierter Museumsarchitektur und ungebändigter Bildproduktion im Stadtraum. Vielleicht liegt gerade in dieser Gleichzeitigkeit der Reiz. Die Stadt fordert nicht zur eindeutigen Positionierung auf – sie verlangt Auseinandersetzung.

Und warum Berlinerinnen aus einem badischen „miteinander schaffe“ ein „miteinander schlafen“ zaubern, ist mir im Nachgang immer noch ein kleines Rätsel und ich bin gespannt, was mich bei meinem nächsten Besuch in Berlin so erwartet.

10.02.2026 - Olympiastadion Berlin, Hertha BSC vs. SC Freiburg 4:5 n.E.

Gästeblock im Olympiastation Berlin
Gästeblock im Olympiastation Berlin

Auch Berlins Straßen schenkten mir noch ein paar flüchtige Momente, die ich mit der Kamera eingefangen durfte.

Berlin 09.02.2026 bis 12.02.2026 / ARCHIPIXEL - Marco Völzke

einige fotos benötigen farbe, manche kommen ganz gut ohne zurecht, eins haben sie jedoch gemein:
"jedes foto erzählt seine ganz eigene geschichte"