19. März 2018  -  Ohne großes Gepäck  

Freiburg Stuttgart. Stuttgart Freiburg. Ganz spontan und ohne großes Gepäck. Eigentlich sollte meine kurze Reise eine Überraschung für einen guten Freund werden. Eigentlich. Aber nachdem es mir dann doch etwas zu riskant war, einfach so nach Stuttgart zu fahren, ohne zu wissen wo ich Unterschlupf finden werde, habe ich mich dann doch dazu durchgerungen > Herrn Verbockt < anzuschreiben. Gesagt, getan. Innerhalb von zwanzig Minuten war alles in trockenen Tüchern. Ein günstiges Busticket wurde gebucht und ein warmes Bettchen in Zuffenhausen reserviert. Natürlich im selben Hotel wie Herr Verbockt...

 

Die Busfahrt gen Stuttgart war sehr bescheiden. Für meinen Rücken und für meine Ohren. Letztere wurden von meiner Sitznachbarin in höchster Lautstärke mit „Alligatoah“ geflutet, was nicht gerade für mein positives Wohlbefinden zuträglich war.  Ankunft Stuttgart Kornwestheim um 13:30 Uhr.  S-Bahn Richtung Zuffenhausen. Erste Erkenntnis nach 10 Minuten. Stuttgart hat sich nicht verändert. Stuttgart ist ein Moloch, und es bleibt ein

Moloch - wobei die Eingeborenen einen sehr freundlichen Eindruck machen ;-) Einchecken. Zimmer sichten. Bett, Dusche und WC, alles vorhanden, Für eine Nacht wird’s gehen, auch wenn die Matratze und die Dusche bestimmt schon bessere Zeiten gesehen haben. Aber, ich bin ja nicht wegen einem schönen Zimmer nach Stuttgart gefahren, sondern wegen guter Gespräche, dem Austausch über einen „schwarzen Hund“ und wegen einem Wiedersehen mit einem liebgewonnenen Menschen. 

 

Mit all meinen negativen und positiven Gedanken schnappte ich mir meine kleine schwarze Olympus, schloss die Türe hinter mir und begab mich nach draußen. Frische Luft, das tut jetzt gut. Ohne Plan marschierte ich durch die verlassenen Straßen von Zuffenhausen. Mein fotografisches Auge scannte die Umgebung, immer und immer wieder, aber ein schönes Motive tat sich in meinem inneren Sucher nicht auf...

 

Herr Bock war pünktlich und ich bemerkte ihn erst auf den zweiten Blick. Unsere gegenseitige Begrüßung war herzlich und erfrischend. Und wie auf einen Schlag waren meine negativen Gedanken über Bord geworfen, und ich freute mich auf die kommenden Stunden. Es folgt eine kleine Stippvisite in Stammheim, 60 Minuten Autofahrt nach Reutlingen, und eine Unterhaltung zweier Männer - mehr braucht „Mann“ nicht schreiben, um in wenigen Worten eine gewisse Stimmung zu transportieren...

Die Zelle in Reutlingen war dank der sehr reduzierten Navigationsakustik schnell gefunden. Ein geeigneter Parkplatz jedoch nicht. Es folgte eine weitere Runde um den Block und die heutige, uns noch unbekannte, Location. Das Auto fand dann eine geeignete Parklücke und wir durften gespannt sein, was uns gleich erwartete. Von außen sah die Zelle so aus, als sei die Zeit hier etwas stehen geblieben. Die leeren herumliegenden Weinflaschen sahen nicht gerade einladend aus. Jedenfalls passte das äußere Erscheinungsbild momentan noch nicht zu der heutigen Live-Lesung von Herrn Verbockt. Sie können sich jetzt vielleicht denken, was in uns vorgegangen ist, oder was wir jetzt am liebsten gemacht hätten? Jedenfalls kam kurzerhand die Überlegung in uns auf, die Lesung sausen zu lassen und unsere negative Grundstimmung im gegenüberliegenden und rot beleuchtetem Gebäude...

Wir klingelten dann doch an der schweren Metalltür der Zelle. Traten ein. Es war dunkel. Es roch stark. Es roch stark nach jahrelanger lauter Musik, nach vielen Partys, ja vielleicht auch nach „Sex, Drugs and Rock'n Roll“. Ich bin für meinen Teil binnen Sekunden in meine Vergangenheit zurück katapultiert worden. Meine Jugend in solchen dunklen Etablissement's lief wie ein Kinofilm in Überlänge vor meinen Augen ab. Alles, was ich in diesen Jahren erleben durfte, sei es positiv oder negativ, kam ohne Vorankündigung auf einen Schlag in mein Gehirn geschossen. Eine kleine Träne konnte ich mir nicht verkneifen... Den Worten von Herrn Verbockt lauschten ein paar aufmerksame junge und alte Ohren. Seine Worte waren sehr emotional, authentisch und bewegend. Sie waren live und in Farbe. Sie waren berührend und zugleich beklemmend. Teilweise warfen sie auch bei mir Fragen auf. Fragen, welche ich mir noch nicht gestellt habe, oder ich noch nicht bereit dazu war, diese mir zu stellen. Seine Worte hallten nach, vielleicht werden sie auch bei dem ein oder anderen Ohrenpaar nachhallen. Fotos, ja Fotos habe ich auch gemacht - Live und in Farbe...

[ Text und Bild © Marco Völzke - archipixel, März 2018 ]